Aufteilung von Bedürfnissen

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Kein anderer Mensch wird alle unsere Bedürfnisse alleine abdecken und dauerhaft erfüllen können. Schon alleine das Bedürfnis nach Autonomie, welches jeder von uns mehr oder weniger ausgeprägt hat und uns an andere Orte führt oder uns Kontakt zu anderen Menschen suchen lässt, zeigt, dass ein Mensch alleine nicht alle unsere Bedürfnisse erfüllen kann. Wir teilen unsere Bedürfnisse auf, um sie ohne unseren Partner entweder für uns alleine oder mit anderen Menschen zu erleben.

Das stand auch noch nie außer Frage. Doch mit dem Aufkommen polygamer Beziehungsformen wurde zusätzlich in Frage gestellt, ob sich denn auch die Partner einer Beziehung gegenseitig alle sexuellen Bedürfnisse erfüllen können. Warum teilen wir viele unserer Bedürfnisse auf, schließen aber unsere sexuellen davon aus? Warum verlangen wir von einem Partner, dass er alle unsere sexuellen Bedürfnisse erfüllen müsse? Daran anknüpfend berichten tatsächlich viele polygam lebende Paare, dass sie es als Entlastung empfinden, nicht alle sexuellen Bedürfnisse des Partners erfüllen zu “müssen”. Insbesondere bei Partnern, die unterschiedliche sexuelle Vorlieben oder Fetische ausgebildet haben, kann es für die Beziehung förderlich sein, wenn diese Bedürfnisse auf unterschiedliche Partner aufgeteilt werden.

Demgegenüber habe ich aber auch lernen können, dass es den meisten Paaren gelingt, ihre sexuellen Bedürfnisse in ihre Beziehung zu integrieren. Voraussetzung dafür ist ein radikal ehrlicher Austausch über alle sexuellen Fantasien und Bedürfnisse. Diese Beziehung von monogamischem Charakter erlaubt Begegnungen von sehr tiefer Intimität zwischen dem Paar.

Interessanterweise wird innerhalb der polygamen Beziehungsformen sehr unterschiedlich mit der Aufteilung der sexuellen Bedürfnisse umgegangen. Bei polyamoren Beziehungen werden alle Bedürfnisse auf mehrere Partner verteilt, mit ihnen wird eine gleichwertige Beziehung geführt. Jeder Partner einer polyamoren Beziehung wird “ganzheitlich” betrachtet. Bei offenen Beziehungen werden die Bedürfnisse hingegen nach Arten unterschieden und “partiell” auf verschiedene Partner aufgeteilt und teilweise aus der Beziehung ausgelagert. Durch diese Aufteilung erhält die offene Beziehung starke Züge von Getrenntheit, die über das bei anderen Beziehungsformen übliche Maß hinausgeht. Die Erstpartner „trennen“ den Sex von der Liebe. Sie „trennen“ den unverbindlichen vom verbindlichen Sex. Sie „trennen“ das Bedürfnis von Verschmelzung und Selbstbezogenheit. Sie „trennen“ den Status zwischen dem Erst- und Sexpartner, indem sie ihm mehr Rechte als dem Sexpartner einräumen. Und letztendlich „trennen“ sie auch die Qualität der Treue zwischen dem Erst- und Sexpartner.

Durch diese Aufteilung befriedigt der Erstpartner tendenziell das Bedürfnis nach Bindung, während der Sexparter das Bedürfnis nach Autonomie, Abenteuer und Neugierde befriedigt. Offen lebende Paaren benutzen auch gerne die Bezeichung “Burg“, “Hafen” oder “emotionale Heimat”, um ihre Bedeutung für die Erstbeziehung zu veranschaulichen. In der Nebenbeziehung mit einem Sexpartner wird hingegen die Neugierde auf etwas Neues, das Abenteuer und die Lust ausgelebt.

Wir werden uns mit denjenigen Menschen umgeben, die uns so betrachten und behandeln, wie wir es – oft genug unbewusst – wollen. Und wir werden viele unserer Bedürfnisse unter ihnen aufteilen, insbesondere wenn wir unseren Hobbies nachgehen. Für manche von uns wird auch dazu gehören, andere Menschen als Sexpartner zu betrachten und von ihnen selbst auch als Sexpartner betrachtet zu werden. Doch die Kraft von Sex hat aufgrund ihrer großen Intimität immer das Potential, die beabsichtigte partielle Aufteilung der sexuellen Bedürfnisse auf unterschiedliche Menschen auszuhebeln. Daher bekommen offene Beziehungen, die diese partielle Aufteilung versuchen, früher oder später einen polyamoren Charakter.

In meinem Buch gehe ich auf die Unterschiede innerhalb der polygamen Beziehungsformen noch genauer ein.

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