Doppelmoral

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An Frauen und Männer werden unterschiedliche Erwartungen gelegt. Beispielsweise erhalten Männer Anerkennung und können ihr Ansehen untereinander steigern, wenn sie mit vielen Frauen Sex haben bzw. hatten. Umgekehrt ernten Frauen oft Ablehnung und Unverständnis, wenn sie mit vielen Männern Sex haben oder hatten. Männer sollen sich ihre „Hörner“ abstoßen, doch die Frauen, die ihnen das ermöglichen, werden häufig herabgewürdigt. Hinzu kommt, dass Männer für eine langfristige Beziehung Frauen tendenziell ablehnen, die leichtfertig Sex anbietet.

Die Anzahl von Sexpartnern wird als „Body Count“ bezeichnet. Dieser steht sinnbildlich für die bis heute anhaltende Doppelmoral: Denn während ein hoher Body Count Männern eher Ansehen verschafft, bewirkt dieser bei Frauen – zumindest aus der Perspektive von Männern – genau das Gegenteil.

Ein wesentlicher, wahrscheinlich evolutionär geprägter Grund für diese Doppelmoral dürfte im unterschiedlichen Zugang zur Ressource Sex liegen. Denn der Body Count eines Mannes besagt, dass er auf Frauen überdurchschnittlich attraktiv wirkt, weil er von ihnen sehr viel häufiger als andere Männer selektiert wird. Demgegenüber kann auch eine sehr durchschnittlich attraktive Frau quasi jederzeit einen Mann für gemeinsamen Sex gewinnen – solange sie sich nicht ausschließlich auf sehr attraktive Männer fokussiert. Daher wird eine durchschnittlich attraktive Frau, die Wert auf einen hohen Body Count legt, kaum Schwierigkeiten bekommen, ihn zu erreichen – ein durchschnittlich attraktiver Mann hingegen schon (Sexdienstleistungen ausgenommen). Aus vorgenanntem Grunde steigert ein hoher Body Count das Ansehen eines Mannes mehr als das einer Frau. Das scheint kultur- und generationsübergreifend zu sein.

Ich persönlich halte es andererseits aber auch für unvorteilhaft, ohne oder nur mit einem sehr kleinen “Body Count”, sprich geringer sexueller Erfahrung eine Langzeitbeziehung einzugehen. Weil wir heute mehr als jemals zuvor unseren Partner frei wählen und ihn immer unkomplizierter wieder verlassen können, hängt unsere Bereitschaft, uns an einen Partner langfristig zu binden, stark von unseren Erfahrungen ab, die wir mit anderen Partnern zuvor gesammelt haben. Ohne diese Erfahrungen bleibt ein Zweifel bestehen, ob es vielleicht doch noch einen „besseren Partner“ für uns geben könnte.

Emanuel Erk weist in dem folgenden Video darauf hin, dass uns die gesammelten Erfahrungen irgendwann befähigen sollten, eine sichere und verbindliche Beziehung eingehen zu wollen. Vielleicht kann auch die gelebte Besuchsehe der Mosuo als Vorbild dienen.

Emanuel Erk

Fortwährendes „Ausprobieren“ mit wechselnden Sexpartnern würde allerdings seiner Ansicht nach darauf hinweisen, dass andere unbewusste Muster bestehen und aufgearbeitet werden sollten. In meinem Buch gehe ich noch genauer auf diese unterschiedlichen Erwartungshaltungen ein.

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